Liebe und Güter in Afrika

20.12.2020 NZZ
Afrika jenseits von Banalisierung und Exotisierung –
ein Blick zurück des scheidenden NZZ-Korrespondenten

Die Bedeutung des Sozialen und des Teilens, der verbreitete Glaube an
Geister und Hexerei, eine überraschende Sexualmoral, der
Zusammenhang von Schrift und Armut – unser Afrikakorrespondent
versucht, eine Bilanz seiner jahrzehntelangen Erfahrungen auf
dem Kontinent zu ziehen.
David Signer, Dakar

Die materielle Seite der Beziehungen
Später forschte ich zu Aids und Sexualität in Senegal. Auch hier war die
Relevanz des Materiellen und Finanziellen erstaunlich. Bettgeschichten
haben eine wirtschaftliche Seite: Die Frau erwartet vom Mann am
nächsten Morgen eine Gegengabe. Aus westlicher Sicht hat solcher
«transaktioneller Sex» immer den Ruch der Prostitution. Aber in
Senegal und in vielen anderen Regionen Afrikas ist das Gegenteil der
Fall. Zeigt sich der Mann seiner Liebhaberin gegenüber nicht grosszügig,
mangelt es ihm an Respekt; offenbar betrachtet er sie als Nichts. Aus
weiblicher Sicht ist es ähnlich: Geht die Frau lediglich zum Vergnügen
mit jemandem ins Bett, ohne auch an die Unterstützung ihrer Eltern
oder ihrer Kinder zu denken, handelt sie verantwortungslos. Sie ist ein
Flittchen. Unmoralisch ist es in diesem System, als Frau Sex lediglich um
seiner selbst zu geniessen. Es ist geradezu eine moralische Pflicht, ein
«Geschenk» einzufordern. Dass Sex solcherart als Tauschgeschäft
verstanden wird, schliesst erotischen Genuss keinesfalls aus.

Diese Auffassung gilt ebenso für Freundschaften. Der Wert einer
Freundschaft bemisst sich auch am Materiellen; Geld ausleihen ist ein
wichtiges Element. Im Westen neigt man dazu, Liebe und Freundschaft
von Finanziellem zu trennen. Sobald die beiden Sphären vermischt
werden, empfindet man eine Entwertung der Beziehung. In Afrika ist es
umgekehrt: Erst das Materielle gibt einem Verhältnis gewissermassen
eine reale Basis.