Unausgewogene Bilanz – wie kann das gehen?

Vor allem in der gesellschaftlichen Oberschicht findet man Paare, bei denen ein externer Beobachter den Eindruck bekommen kann, dass ein eklatantes Missverhältnis in ihrem Tauschverhältnis vorliegt.

Man könnte meinen, dass de Bilanz völlig unausgewogen ist. Trotzdem hat die Ehe Bestand. Wie kann das gehen?

Meist ist es (immer noch) der Mann, der sehr viel arbeitet und für den gehobenen Wohlstand sorgt, während die Frau ihrerseits keine Leistungen einzubringen scheint. Das widerspricht der Annahme des Ökonomen, dass Geben und Nehmen in der Paarbeziehung für ihr Funktionieren ausgeglichen sein muss. Und doch kann diese Art der Beziehung Bestand haben. Wie kann man dies erklären?

Die Ursache finden wir in der zwischen beiden Partnern – explizit oder implizit – vereinbarten Rollenvereinbarung und Arbeitsteilung. Zu allen Zeiten lassen sich in der gesellschaftlichen Oberschicht Frauen finden, die weder Leistungen für ihren Partner noch für den gemeinsamen Haushalt erbringen. Dieses Phänomen hat Thorstein Veblen in seinem Buch „Theorie der feinen Leute“ (1899) genauer betrachtet. Allgemein untersuchte er darin die Müßiggänger der gesellschaftlichen Oberschicht, erst im Feudalismus und dann zum Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. Er stellt fest, dass die Mitglieder der Oberschicht vor allem deshalb konsumieren, um ihren hohen sozialen Status nach außen hin zu zeigen. Sie praktizieren „demonstrativen Konsum“.

Für die Arbeitsteilung innerhalb des Paares bedeutet dies, dass der Mann die Last der gemeinsamen Existenzsicherung trägt, und die Frau – in Veblens Worten – dem Müßiggang nachgeht. Der Mann der oberen Gesellschaft tut dies, klaglos und freiwillig, weil er meint, dass es seinem gehobenen Status entspricht, dass seine Frau nicht arbeitet. Seine untätige Ehefrau ist für ihn Statussymbol so wie sein sein Auto, sein Haus, seine Armbanduhr, seine Yacht. Doch ganz untätig darf auch sie nicht sein. Denn er delegiert an sie die Aufgabe, demonstrativem Konsum nachzugehen. Denn anders als zur Feudalzeit muss der wohlsituierte Mann der heutigen Oberschicht arbeiten gehen und hat dafür keine Zeit mehr. Es ist seine Frau, deren Aufgabe es nun ist, jenen Aufwand an stellvertretender Muße zu treiben, die für das gesellschaftliche Ansehen der Familie notwendig ist.

Ihre Untätigkeit versteckt sich hinter vielerlei Haushalts- oder gesellschaftlichen Pflichten. Bei genauerer Betrachtung hat dieses Tun allerdings kaum einen anderen Zweck als zu beweisen, dass sie es nicht nötig hat, sich mit irgendeiner nützlichen Arbeit zu beschäftigen. Sie übt sich im Zieren und Schmücken, in gefälliger Nettigkeit und Sauberkeit. Die richtige Zusammenstellung von Formen und Farben, an ihrem Äußeren, an Wohnungseinrichtung und Garten, zielt auf ästhetische Wirkung. Dem Mann gefällt dies nicht unbedingt wegen der erzielten Ästhetik, sondern weil es beweist, dass er mit seinem Einkommen sich den Luxus leisten kann, dass sich seine Frau mit nutzlosen Dingen beschäftigt.

„Wenn wirklich einmal Schönheit oder Bequemlichkeit das Ergebnis sind – und dies ist ein reiner Zufall -, so sind sie notwendigerweise mit Hilfe von Mitteln und Methoden geschaffen worden, die dem großen ökonomischen Gesetz der Verschwendung gehorchen. Das angesehene, »präsentable« Zubehör des bürgerlichen Haushalts besteht einerseits aus Stücken des demonstrativen Konsums und andererseits aus Einrichtungen, welche die stellvertretende Muße der Hausfrau zur Schau stellen sollen.“ (Veblen, Theorie der feinen Leute, Frankfurt a.M., 1989, S. 90)

Einfacher gesagt: Die Aufgabe der Frau bei diesem Arrangement besteht gerade darin, keine echten Leistungen zu erbringen. Gerade durch demonstrative Vergeudung erfüllt sie ihre Rolle. Wir lernen von Thorstein Veblen: Wenn sich das Paar – explizit oder implizit – auf die Rollenverteilung verständigt hat, dass ein Partner das Geld verdient und der andere Partner dem Müßiggang nachgeht, mit der Absicht, auf diese Weise hohen sozialen Status zu repräsentieren, dann kann die Paarbilanz durchaus ausgeglichen sein. Denn dann ist der Müßiggang des einen Partners die von beiden Seiten akzeptierte Rollenvereinbarung. Dieses Arrangement kann für beide zufriedenstellend sein.

Die von Veblen aufgezeigten Zusammenhänge für die Oberschicht gelten mit einigen Abwandlungen auch für die kleinen Leute. Selbst in einfachen Gesellschaftsschichten galt es als Makel, wenn die Frau arbeiten ging. Schick galt, dass sie sich um den Haushalt und um sich selbst kümmerte (Kinder, Einkaufen, Friseur, etc.). Erst als ab Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr Frauen einer beruflichen Tätigkeit nachgingen und im Zuge der Gleichberechtigung, trat eine Änderung ein. Müßiggang der Frau gilt seither nicht mehr unbedingt als ein positives Attribut für die Familie und das Paar.

Für die Frau bedeutet diese Form der Arbeitsteilung nicht unbedingt Selbstverwirklichung. Sie erfüllt ihre eheliche Pflicht, indem sie sich von produktiver Arbeit fernhält, „auffallend“ konsumiert und sich vorwiegend um die eigene Schönheit (Kosmetik, Pediküre, Wellness, etc.) kümmert. Aber so schlecht ist diese Situation nicht. Manche Frauen erkennen, dass durch Emanzipation und Berufstätigkeit solche Vorteile verloren gegangen sind. „Demonstrativen Konsum“ für den vermögenden Lebenspartner auszuüben, ist keine übermäßig schwere Aufgabe und erlaubt in gewissem Rahmen auch eine kreative Entfaltung. Verglichen einer stressigen und schlecht bezahlten Berufstätigkeit kann dies eine durchaus attraktive Alternative darstellen.

Selbst heute bekommen die männlichen Partner nur selten die Möglichkeit, in der Beziehung dem Müßiggang und demonstrativem Konsum nachzugehen. Hat es damit zu tun, dass Männer nicht so gerne „shopping“ gehen? Oder braucht eine solche Umstellung noch seine Zeit? In dieser Hinsicht hat die Gleichberechtigung offenbar noch Anpassungsbedarf.