Ökonomie und Paar?

Was hat die Wirtschaftswissenschaft mit den Beziehungen zwischen Partnern zu tun? Gar nichts, denkt man. Höchstens bei einem Streit ums leidige Geld könnte man einen Zusammenhang vermuten. Doch sowohl in der Marktwirtschaft als auch in der Paarbeziehung wird getauscht: Im einen Fall Waren und Dienstleistungen zwischen den Geschäftspartnern gegen Geld; im andern Fall Leistungen zwischen den Partnern ohne Geld.

Während jedoch in der kommerziellen Wirtschaft jeder Kauf- und Verkaufsvorgang schriftlich erfasst wird, führen die Partner über ihre Transaktionen üblicherweise kein Buch. Doch täuschen wir uns nicht: Auch in Paarbeziehungen wird gerechnet, zwar nicht in Zahlen, sondern in Form von Gefühlsbuchungen. In den Gedächtnissen der beiden Partner verwischen manche der Eintragungen im Laufe der Zeit, andere bleiben wie eingemeiselt stehen.


Zwischen den Partnern werden Geld und Leistungen ausgetauscht. Beide bringen Geld und Leistungen in “Das Gemeinsame” ein, und entnehmen von dort. Wesentlich für die Beziehung ist der unmittelbare Austausch, das wechselseitige Miteinander.  Hier findet keine Bewertung statt.


Da in der Paarökonomie die gegenseitig erbrachten Leistungen nicht bezahlt werden, haben wir es mit einer Nicht-Zahlungsökonomie zu tun. Es gibt hier keine einheitliche Währung. Beide Partner führen getrennte Buchhaltungen, die sie nicht miteinander verrechnen können. So kann es zu einer –  im Grunde genommen – absurden Situation kommen, dass beide Partner das Gefühl haben, in der Beziehung zuviel gegeben und zuwenig bekommen zu haben.

Nun könnte jemand sagen: Das sind doch Kleinigkeiten, was im Rahmen der Familie und eines Paares an Leistungen erstellt wird. Was ist das schon, ein Abendessen zubereiten oder die Spülmaschine ausräumen. Doch das ist ein Irrtum:  Das Bundesamt für Statistik schätzt den Wert  der unbezahlten Arbeit im Haushalt auf 684 Mrd. Euro, was im Jahr 2001 der Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie  und der Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr zusammen entspricht.

Also ein beachtliches Volumen an Leistungen, das in den Familien und in den Paarbeziehungen erstellt und getauscht wird. Doch nach welchen Mechanismen und Regeln geschieht das eigentlich? Zweifellos nicht nach Marktmechanismen, sondern eher vorkapitalistisch. Doch wie wird dort bewertet? Welche Probleme tauchen auf und wie können Partner im Konfliktfall diese lösen? Denn wenn diese Mechanismen nicht funktionieren, wird auch die Paarbeziehung nicht funktionieren. Jenseits aller psychologischen Phänomene gibt es  also Erklärungsbedarf, wie Partner untereinander mit den schwierigen Aufgaben der Nicht-Zahlungsökonomie zurecht kommen. Kann also der Ökonom mit seinem wissenschaftlichen Instrumentarium dazu beitragen, Licht in diese Zusammenhänge zu bringen? Ich meine ja und habe es mit diesem Buch versucht.

Quelle: Der Spiegel, 45/2010, 8.11.2010, im Titelbeitrag “Einer für alle. Warum Frauen immer noch zu viel von Männern erwarten”, Seite 86