| Geben und Nehmen in der Paarbeziehung. Die Ökonomie der Emotionen |
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Frage: Warum ist die Ökonomie der Paarbeziehung „geheim“?
Antwort: Geheim deshalb, weil die Partner sich nicht immer bewusst sind,
dass innerhalb der Paarbeziehung auch im ökonomischen Sinn Leistungen erstellt
und getauscht werden. Geheim auch in einer anderen Weise: Ein Drittel oder ein
Viertel der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung findet als Hausarbeit im Paar
und in der Familie statt. Dieser Bereich wurde zwar von der feministischen
Theorie unter die Lupe genommen, wird aber von der herkömmlichen
Wirtschaftswissenschaft weitgehend ignoriert.
Frage: Ist das Zusammenleben schwieriger als früher?
Antwort: In gewisser Weise schon. Früher bestimmte ein fester kultureller Rahmen
die Aufgaben, Pflichten und Verantwortungen. Die Beziehungen waren stärker
standardisiert. Heute müssen sich die Partner in weit stärkerem Maße darauf
verständigen, was in ihrer Beziehung gelten soll. Das ist natürlich auch eine
große Chance, und ich glaube, nur wenige wollen zurück in den starren
traditionellen Rahmen.
Frage: Gibt es überhaupt Gerechtigkeit im Sinne eines Gleichgewichts
zwischen Geben und Nehmen?
Antwort: Die Beziehung ist dann stabiler, wenn jeder der beiden Partner
den Eindruck hat, dass die Tauschbeziehungen ausgeglichen und gerecht sind. Aber
eine ausgeglichene Beziehung muss nicht automatisch dazu führen, dass Liebe
entsteht. Es wird immer Ungleichgewichte geben, solange die sich in gewissen
Grenzen bewegen, ist das auch kein Problem. Man muss das über einen langen
Zeitraum hinweg sehen.
Frage: Was ist, wenn in der Beziehung ein Ungleichgewicht herrscht?
Antwort: Wenn jemand in einer Beziehung über lange Zeit das Gefühl hat,
mehr zu geben als zu bekommen, wird er unter diesem empfundenen Ungleichgewicht
leiden. Die Schwierigkeit ist allerdings, dass die Maßstäbe der beiden Partner
anderes sind. Sie messen anders. So kann es zu der im Grunde genommen absurden
Situation kommen, dass beide Partner meinen, zuviel gegeben und zuwenig bekommen
zu haben. Dies ist dann sehr konfliktträchtig.
Frage: Wann ist die Schieflage so groß, dass die Beziehung auf der Kippe
steht?
Antwort: Eine gute liebevolle Beziehung erträgt Ungleichgewichte über
lange Zeit. Im ökonomischen Sinn räumt man dem anderen einen Kreditrahmen ein.
Innerhalb des Rahmens kann es schwanken. Und wenn man ab und zu das Gefühl hat,
sich im positiven Bereich zu bewegen, wird man auch zu anderen Zeiten wieder
Defizite zulassen. Aber irgendwann wird das empfundene Defizit zu groß, dann
kommt Ärger, Empörung und Wut hoch. Dann kann die Beziehung auf der Kippe
stehen, und es gibt ja auch viele Scheidungen. Im Scheidungsprozess wird dann
auf Heller und Pfennig abgerechnet.
Frage: Ist es wichtig, dass beide Partner gleich viel in die Beziehung
investieren?
Antwort: Im Prinzip ja. Allerdings ist das mit dem „gleich viel“ ist ein
Problem. Denn wie will man messen was „gleich viel“ ist? Das ist ja gerade das
Grundproblem der Paarökonomie, dass hier nicht genau gemessen werden kann. Es
gibt keine einheitliche Währung und keine Möglichkeit die Leistungen objektiv zu
messen. Doch es ist wichtig, dass beide sich um den anderen bemühen, und auch
sehen, was der andere für mich und die Beziehung tut.
Frage: Wie funktioniert der Tauschhandel in der Partnerschaft?
Antwort: Das ist der Alltag in der Beziehung. Jemand macht das Frühstück,
verhandelt mit Telefonanbietern um einen Telefonanschluss, sortiert die Belege
für den Steuerberater, macht den Einkauf usw. – und immer kommt auch der Partner
in den Genuss der Leistungen. Nur manchmal wird das thematisiert, etwa: „Gestern
habe ich das Abendessen gemacht, dann machst Du heute den Einkauf und das
Essen.“
Frage: Nimmt man diesen Tauschhandel überhaupt wahr oder reflektiert man
das nicht?
Antwort: Ich denke, man nimmt das üblicherweise nicht wahr. Es ist ja
eine geheime Ökonomie. Da muss schon ein Ökonom kommen, und sagen, jetzt
betrachte ich das mal unter ökonomischen Gesichtspunkten. Aber das heißt eben
nicht, dass im Hinterkopf der beiden Partner keine Bewertungen ablaufen würden.
Es werden Bilanzen geführt, das sind eher gespeicherte Gefühle als
Zahlenpositionen.
Frage: Woran wird der Wert der Beziehungsinvestitionen gemessen und welche
Probleme entstehen dabei?
Antwort: Die eigenen Leistungen zu messen, ist schwierig. Es tritt ja
häufig der Fall auf, dass man den eigenen Leistungen einen hohen Wert bemisst
und der andere das nur gering bewertet oder gar nicht zur Kenntnis nimmt. Es ist
also wichtig, dass man sich abstimmt: Was ist dir wichtig, was ist mir wichtig?
Und dazu muss man dem andern zuhören.
Frage: Wie wichtig sind Lob, Dankbarkeit und Wertschätzung?
Antwort: Ich denke, das ist ganz wichtig. Denn nichts verletzt den andern
mehr, als wenn seine Leistungen und seine Bemühungen nicht zur Kenntnis genommen
oder gar ignoriert werden. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich für Leistungen
zu bedanken, die man selbst nicht so hoch schätzt. Dann muss man halt die gute
Absicht honorieren. Allerdings sollte man - mit viel Feingefühl und aller
Höflichkeit - schon auch deutlich machen, was man wenig schätzt.
Frage: Wie ist es mit „Opfern“, etwa wenn einer dem anderen zuliebe auf
etwas verzichtet?
Antwort: Opfer bringen, das ist ein schwieriges Thema. Das heißt im
ökonomischen Sinn, dass einer in Vorleistungen tritt und dann halt doch
irgendwann eine Rückzahlung erwartet. Die Paarbeziehung ist dann für lange Zeit
in einer Schieflage. Kleine Opfer bringt man ja immer, z.B. sitzen Männer ja oft
stundenlang in Schuhgeschäften und beraten geduldig ihre Frauen beim Schuhkauf.
So kleine Opfer sind in Ordnung, aber ein großes Opfer, insbesondere wenn es im
Geheimen erbracht wird, macht die Beziehung instabil.
Frage: Ist es nicht so, dass man gibt, um etwas einfordern zu können?
Antwort: Ja, man wird das vielleicht nicht immer zugeben. Geben, auch bei
Geschenken, geht meist mir der geheimen Erwartung auf Gegenleistung einher. Mn
erwartet den Ausgleich. Wir sind wohl weniger selbstlos, als wir vorgeben zu
sein.
Frage: Was, wenn sich diese Erwartungen nicht erfüllen?
Antwort: Man ärgert sich, fühlt sich betrogen. Dumm nur, wenn der andere
gar nichts von diesen Erwartungen weiß. Dann ist man sauer, und der andere weiß
gar nicht warum. Mehr Offenheit bezüglich der eigenen Erwartungen ist da
sicherlich hilfreich.
Frage: Hat diese Form der Aufrechnung auch mit dem Gehalt der Partner zu
tun?
Antwort: Befragungen zeigen, dass Geld ein häufiger Streitpunkt bei
Paaren ist. Aber: Innerhalb des Paares und in den Familien werden ja auch in
einem riesigen Umfang nicht-monetäre Werte geschaffen und getauscht. Schätzungen
sprechen von rund 700 Mrd. Euro. Das ist Hausarbeit und Familienarbeit, ohne die
unsere Volkswirtschaft nicht existieren könnte. In die Paarökonomie kommt dieses
in der kommerziellen Wirtschaft verdiente Geld hinein. Traditionell hat der Mann
das Geld verdient, und die Frau kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder.
Heute gibt es diese Standardsituationen kaum noch, so muss jedes Paar diese
Dinge individuell regeln.
Frage: Es gibt ja Faustregeln wie: Fünf freundliche Worte wiegen eine
Beleidigung auf...
Antwort: Ökonomisch ausgedrückt ist eine Beleidigung eine Leistung mit negativem
Wert, eine Schädigung. Eine Beleidigung ist nur schwer wieder gutzumachen.
Frage: Was ist von Putzplänen, Aufgabenlisten und Eheverträgen zu halten?
Antwort: Ich glaube nicht, dass man eine Paarbeziehung wie ein
Unternehmen managen kann. Zwar könnte man prinzipiell auch ein
Organisationshandbuch erarbeiten, in dem dann steht, was jeder wann zu machen
hat. Doch ob das dann noch Freude macht? Ich denke, wichtig ist es, dass sich
beide Partner über ihre Aufgabenverteilung verständigen. Das kann in Gesprächen
gemacht werden. Für manche Paare mag ein Ehevertrag geeignet sein, beide müssen
dann aber freiwillig und mit Überzeugung zustimmen. Meist ist aber der
Standardehevertrag durchaus geeignet, denn er hat sich über lange Jahre bewährt.
Frage: Wann ist ein Beziehungskonto sinnvoll und was muss man beachten?
Antwort: Um einem Missverständnis vorzubeugen: Ich plädiere nicht dafür, dass
ein Beziehungskonto etwa in schriftlicher Form geführt wird. Sondern ich meine,
jeder führt so ein gefühlsmäßiges Konto, im Hinterkopf, im Geheimen. Gut für die
Beziehung ist es, wenn diese geheimen Konten offengelegt werden.
Frage: Welche Bilanzkonstellationen sind besonders typisch?
Antwort: Ich vermute, aber das ist nur eine Vermutung, dass wir dazu
tendieren, die eigenen Leistungen, die wir für den Partner erbringen, höher
bewerten als dessen Leistungen für uns. Insofern kann es leicht sein, dass wir
ein Defizit wahrnehmen, indem wir meinen, zuviel zu geben und zuwenig zu
bekommen. Konfliktträchtig wird dies aber erst dann, wenn dieses gefühlte
Defizit zu groß wird. Richtig zum Konflikt wird es dann kommen, wenn beide
Partner gleichzeitig meinen, ein großes eigenes Defizit zu haben.
Frage: Wie können Paare diese Konfliktsituation bewältigen?
Antwort: Reden, sich austauschen, miteinander über die Leistungen
sprechen. Welche Erwartungen habe ich, welche hast du? Was kann ich anders
machen? Wie können wir unsere Arbeitsteilung anders organisieren? Welche Regeln
haben sich im Laufe der Zeit in unsere Beziehung eingeschlichen? Wollen wir das
so beibehalten oder können wir das für beide befriedigender gestalten? Was ist
mir wichtig, was ist dir wichtig? Solche Themen lassen sich natürlich besser
besprechen, solange es noch nicht zum Konflikt gekommen ist. Doch das ist
Theorie. Meist wird man diese Themen erst ansprechen, nachdem es zum
Konfliktfall gekommen ist. Und dann besteht die Kunst darin, ein solches
Paargespräch in einer offenen und konstruktiven Weise zu führen.